Mont Ventoux - Le Géant de Provence

Dieser Sommer sollte ein ganz besonderer sein:

Sebastian und ich hatten ausgehend von einem Pullover, den ich ihn zum Geburtstag geschenkt hatte und auf dem einige legendäre Pässe verewigt waren, geplant, die "Passjagd" zu eröffnen.

Auf unserer To-do-Liste standen unter anderem:

- der Mont Ventoux

- La Marmotte mit dem Col du Glandon, dem Télegraphe, dem Galibier, dem Col du Lautaret und Alpe d' Huez

- der Col d'Izoard

- ein paar Höhenmeter am Comer See

sowie das Stilfser Joch als finaler Höhepunkt.

 

Anfang Juli starteten wir Richtung Frankreich. Am Fuße des Mont Ventoux, in Malaucène, hatten wir unseren ersten Ausgangspunkt. Von dort aus wollten wir den Géant de Provence von allen drei Seiten befahren.

Als Erstes nahmen wir die Auffahrt in Angriff, die direkt vor unserer Haustür begann. Auch wenn wir aus den Dolomiten schon härtere Anstiege kannten - ab 9 Uhr wurde es richtig hart:

Die Temperaturen stiegen bis dahin auf über 30 Grad, man konnte gefühlt gar nicht so viel trinken wie man schwitzte. Gerade dort, wo die am Rande stehenden Bäume keinen Schatten warfen, brannte die Sonne erbarmungslos auf uns nieder. Da half es nur, möglichst schnell in die höheren Lagen zu kommen, wo die Luft doch noch etwas frischer war. Gigantisch waren die letzten sechs Kilometer, auf denen man in die berüchtigte karge "Mondlandschaft" eintaucht.

Dass gerade dieser letzte Streckenabschnitt besonders hart sein soll, empfand ich nicht so. Jedenfalls nicht beim ersten Climb. Ich war hungrig nach Höhenluft.

Nach Bedoin runter konnten wir uns dann erst einmal wieder die Beine freistrampeln und die herrliche Abfahrt genießen. Zumindest bis man wieder in die drückende Wand der Mittagshitze eintauchte. Die Straßen waren immer noch geziert von den Fanaufschriften der Tour 2016 - es ist schon ein besonderes Gefühl, dort unterwegs zu sein, wo sich auch schon die ganzen Großen quälen mussten!

Nachdem wir unsere Wasservorräte wieder aufgefüllt hatten, ging es retour über die Südrampe auf den Gipfel.

Ich lese ja immer im Vorfeld die Streckenbeschreibungen bei quäldich.de - und die Auffahrt von Bedoin hat es wirklich in sich. Vor allem, wenn man schon über 1500 Hm in den Beinen hat. Landschaftlich war es für mich die schönste Strecke - aber die 9% und mehr durchschnittliche Steigung kosteten einiges an Kraft. Sebastian kam mir (wie meist) auf den letzten beiden Kilometern entgegen und wir fuhren zusammen hoch. Da ich immer nicht die Bremse sein möchte und er eine andere Übersetzung fährt, meinte ich nur: "Du kannst ruhig dein Tempo fahren." Darauf er (in einem ziemlich genervten Ton): "Das ist mein Tempo". Er hatte sich bei der ersten Auffahrt also ganz schön müde gefahren. Gut so ;)

Da wir am kommenden Wochenende nicht schon völlig ausgepowert sein wollten, entschieden wir uns dazu, die dritte Auffahrt über Sault erst am Tag darauf zu fahren.

 

 

La Provence

Um es direkt vorweg zu nehmen: Die Auffahrt über Sault war in keiner Weise vergleichbar mit den anderen beiden: weder landschaftlich noch vom Anspruch her. Sebastian meinte, ich müsse nur schneller fahren, aber so ambitioniert war ich dann auch nicht ;)

 

Das Schönste an der Tour via Sault war die Route, die uns in die schönen Ecken der Provence führte. Ich habe selten so traumhafte Landschaften gesehen. Umsäumt von Bergen lagen dort in sattem Lila kilometerlange Lavendelfelder, die einen Duft verströmten, der direkt gute Laune machte. Man wusste gar nicht, wohin man zuerst blicken sollte. Ein Feuerwerk für die Sinne!

Leider konnten wir die Zeit dort nicht lange genießen, aber der Eindruck war bleibend.

Dieses Ambiente ließ uns die teils doch sehr zehrenden Umstände vorübergehend vergessen. Es war die ganze Zeit brütend heiß, man fühlte sich ausgepowert, obwohl man kaum gefahren war. Egal: Gerade solche Impressionen zeigen einem jedes Mal aufs Neue wieder, wieso man sich für diese Art von Urlaub entschieden hat.

Ich habe noch immer tausende von Bildern im Kopf - und ein paar Eindrücke per Smartphone eingefangen, um zumindest einen Einblick in diese herrlichen Landschaften zu ermöglichen.

 

LA Marmotte Alpes

Bereits im letzten Jahr hatte ich ja die (Alpen-) Marathons für mich entdeckt. 2018 wollten wir bei La Marmotte starten, um auch noch ein paar der spektakulärsten Alpenpässe Frankreichs zu erklimmen.

Die Anreise nach Le Bourg d'Oisans war eigentlich schon abenteuerlich genug: Das Auto-Navi lotste uns über lauter kleine Pässe - mir war am Ende richtig übel von den Serpentinensträßchen. Mit dem Rad hätten wir es geliebt! Vor Ort erwartete uns eine deutlich frischere Luft als noch am Mont Ventoux. Allerdings sollte diese Erfrischung nicht von Dauer sein.

Als Vorbelastung wollten wir am Samstag einmal nach L'Alpe d`Huez hoch. Die Passstraße schlängelt sich über die sagenumwobenen 21 Kehren am Berg entlang und garantiert einen tollen Ausblick. So kann man die Kletterei echt genießen!

Etwas an Genuss einbüßen mussten wir dann am Folgetag bei La Marmotte.

Es war gefühlt eisig kalt, als wir in der Früh um halb 7 Richtung Startaufstellung rollten. Was für ein Trugschluss!

Zusammmen mit tausenden anderen Radlern machten wir uns gegen halb 8 auf den 174km langen Weg.

Es waren für mich fast zu viele Leute auf der Strecke, gerade bergab bin ich da doch immer etwas sensibel. Glücklicherweise hatte sich Sebastian doch für die angenehme Variante entschieden und fuhr mit mir zusammen. So hatte ich einen tollen Windschatten und bisweilen auch einen flinken Wasserholer.

Die Strecke war nur teilgesperrt, was stellenweise etwas ungünstig war, aber wir kamen gut voran. Irgendwie erinnerte mich die Strecke vom Anspruch her etwas an den Ötztaler. Es ging mit dem Glandon relativ moderat los, die anderen beiden Pässe im Anschluss an eine etwas heikle Abfahrt ließen sich dank angenehmer Steigungswerte auch gut fahren. Ich genoss den Ausblick, auch wenn ich versuchte, keine Bummeltour zu machen. Schon bei der Abfahrt aus gut 2600 m vom Galibier merkte man, wie  man wieder zurück in eine Hitzewand fuhr.

Auf dem Flachstück dahinter machte Sebastian nochmal gut Tempo und gerade bei der Wärme war es kein Leichtes, hinten dranzubleiben. Aber so verbrannten wir wenigstens nicht vor der letzten Hürde: Alpe d`Huez. Vor der Auffahrt wurden noch einmal beide Flaschen gefüllt. Am Tag zuvor waren wir den Berg mit Armlingen hochgefahren - diesmal schmolz man förmlich dahin. Ich wollte nur noch oben ankommen, das Wasser schien noch im Hals zu verdunsten, die 21 Kehren, die ich am Tag zuvor noch so schön fand, zählten den Countdown der Tort(o)ur.

Nach knapp 9 Stunden erreichten wir das Ziel. Als zehntschnellste Frau trotz Stopps und ohne im Wettkampfmodus gefahren zu sein, war ich mehr als zufrieden.

So konnte es weitergehen ...

 

Col D'Izoard

Die Anreise zum Izoard war wohl die teuerste: Wir wollten partout nicht mehr stundenlang über zig kleine Passstraßen reisen und hatten uns eine Route über die Autobahn gesucht. Dabei mussten wir auch durch den Mont Blanc - Tunnel: 44 Euro einfach? Na gut. Ist ja Urlaub.

 

Bereits bei der Routenplanung fürs Radeln musste Sebatian feststellen, dass es außer dem Izoard in der Gegend wenig reizvolle Streckenvariationen gab. Nur gut, dass wir nicht eine ganze Woche bleiben wollten!

Nach einem Ruhetag machten wir uns auf den Weg zu einer weiteren Tour-Größe: Den Col d'Izoard. Eingebettet auf 115km und rund 2500Hm.

Das Wetter war auch dort wunderbar, wenn auch wieder (gottseidank!) etwas frischer und so konnten wir die Runde mit einem herrlichen Ausblick genießen. Allmählich merkten wir aber trotz des vorangegangenen Ruhe-und Reisetags die Beine und so erklommen wir am Tag darauf "nur noch" den in der Nähe gelegenen Col du Granon - teils mit ein paar fiesen Rampen - aber dieser Berg war eingebettet in eine unglaubliche Gebirgslandschaft.

Wenn man sich schon hierher verirrt, sollte man dort auf jeden Fall mal rauf!

Comer See

Franzi und Veit, ein befreundetes Pärchen, hatten einen Urlaub am Comer See geplant und uns im Frühjahr gefragt, ob wir nicht Lust hätten, noch ein paar Tage vorbeizuschauen. See? Fantastisch! Nach der Hitzeschlacht der letzten beiden Wochen wollte ich nichts lieber als in die Nähe irgendeines größeren Gewässers.

 

Auch wenn die Ausgangslage von Domaso aus nicht ideal war, so fand Sebastian doch wieder ein paar tolle Strecken:

 

Zunächst mussten wir mal die Umgebung genauer erkunden und so war unsere erste Tour eine Runde um den Comer See.

Ich sagte noch, dass ich schon gern einen 30er Schnitt fahren möchte - schließlich war die Route abgesehen von der Strecke um Como relativ flach. Und auf Strava liest sich sowas ja gut ;)

Am Ende war es (rechnet man den Abstecher bei Como ans Wasser runter nicht mit) sogar ein 32er Schnitt. Und ich am nächsten Tag ziemlich platt. Dennoch wollten wir noch ins Val Masino hoch. Es war wahnsinnig schwül, die Sonne brannte wieder gnadenlos und ich war eigentlich am ersten 20km-Aufstieg schon bedient. Deswegen halbierten wir die Runde auf der Rückfahrt: 80 waren für heute genug.

Lieber noch kurz in den See und ein köstliches Gelatto :)

 

Es zeigte sich, dass das Ganze eine kluge Entscheidung war, denn tags darauf waren die Beine wieder nahezu frisch.

Da ein See als Kulisse gerade bei diesen sommerlichen Temperaturen auf mich immer eine besondere Wirkung hat, wollten wir bzw. ich diesmal zum Luganer See - über die Schweizer Grenze. Etwas wellig ging es immer am See entlang, eine wunderbare Route. Nur in Lugano war etwas viel los. Auf dem Rückweg mussten wir noch über einen Pass, der uns gerade angesichts der Alpenpässe, die wir in den letzten Wochen überwunden hatten, mit einer Länge von knapp 15km recht überschaubar vorkam. Doch zu früh gefreut: Nach ca. drei moderaten Kilometern Serpentinen erwartete uns hinter einer Kurve plötzlich eine 14% Rampe, auf den folgenden Kilometern kletterte die Höhenmeteranzeige des Garmin bis auf 22, sogar mein Vorderrad hob schon ab! Ich keuchte Sebastian hinterher, dass ich jetzt dann absteige, wenn es so weiter geht. Zurück kam nur: "Das schaffst du ja wohl!". Habe ich auch. Ich möchte mir nicht ausmalen, was gewesen wäre, wenn ich ausgeklickt hätte. Dann hätte ich schieben dürfen! War wohl wieder anstrengender für den Kopf als für die Beine! Es lief.

Zieleinlauf.

Pizza.

hoch hinaus: Stilfser Joch (2757)

Ein Pass fehlte noch in unserer (vorläufigen) Sammlung:

Das Stilfser Joch sollte ein Highlight unserer Reise werden. Wir wohnten in Burgusio, einem kleinen Dorf in der Nähe von Mals im Vinschgau. Alleine kulinarisch waren wir auch hier wieder auf der Sonnenseite des Lebens, sogar mit einer Sennerei vor Ort und leckersten regionalen Produkten.

Bei unserer Ankunft war die Luft auch hier erst mal angenehm - man merkte, dass es in Südtirol doch etwas kühler als in Italien war. Allerdings wurden auch hier fleißig die Wiesen bewässert, was darauf schließen ließ, dass auch hier der Jahrhundertsommer schon vor uns angekommen war.

Am Anreisetag schmiedeten wir bereits den Plan für morgen:

Einmal den Stelvio schien uns etwas wenig, deswegen wollten wir ihn von zwei Seiten befahren: Von Prad und von Bormio.

Unsere Tour startete leicht bergab, super zum Einrollen, bevor es in den Berg ging. Da war sie: Die berühmte 48ste Kehre. Es sollte ein langer Weg bis nach oben werden - aber bei der Aussicht kletterte ich auch gern.

Ich mag diese 180 Grad- Kehren, bei denen man jedes Mal aufs Neue Schwung holen kann. Außer ein Auto oder Motorrad bremst einen vorher ungeschickt aus. Aber wir hatten Glück: Es war relativ wenig Verkehr, das Wetter war wieder super und auch, wenn es anstrengend ist, stundenlang einen Berg hochzukurbeln, so macht es einen aber geradezu süchtig, diesen Ausblick mit jedem Atemzug  aufzusaugen.

Ich wollte nicht absteigen - auch wenn ich gerne mehr Bilder gemacht hätte. Erst oben. Dort war es dann richtig frisch, sodass wir nur kurz ein paar Fotos mit dem Passschild machten, um schnell auf einen Cappucchino nach Bormio zu rollen. Bei der Abfahrt zeigte sich bereits, dass dies der unbeliebtere Aufstieg war: Er war fast menschenleer - das machte Lust auf mehr!

Gestärkt mit etwas Koffein und einem Riegel ging es dann wieder retour. Und beide fragten wir uns, wer auf die Idee mit der doppelten Passfahrt gekommen war! Der zweite Aufstieg war nämlich ziemlich zäh: Nach etlichen Kilometern und Höhenmetern in den letzten Wochen waren die Beine müde. Durch die kleinen Tunnel ging es langsam wieder hoch, am Wasserfall vorbei Richtung Gipfel. Wie schon bei den anderen Pässen wartete ich darauf, dass Sebastian nur in den letzten zwei, drei Kilometern wieder zu mir stieß. Das war für mich immer die Referenz, dass ich doch nicht ganz so langsam war, wie es sich anfühlte. 

Schließlich sprang die Höhenmeteranzeige auf dem Garmin auf über 3000. Geschafft!

Endlich hatte ich auch einmal den beliebstesten aller Alpenpässe erfahren ;)

 

Am Tag darauf wollten wir unseren Aufenthalt noch entspannt abschließen: Auf einer Tour über den Ofen- und den Reschenpass. Letztlich war es ein kleiner Drei-Länder-Giro.

Eigentlich war bereits am Fuornpass der Ofen aus, aber das Höhenprofil sah recht machbar aus und da wir ein entspanntes Wochenende bei meiner Familie in Aussicht hatten, zogen wir es auch durch. Es war auch hier wieder unerträglich heiß, am liebsten hätte ich mit dem Turm im Wasser getauscht oder wäre in den Fluss gesprungen, der munter neben uns ins Tal plätscherte.

Schlimmer war aber der Gedanke daran, dass morgen unsere Passjagd fürs Erste vorbei sein sollte.

Aber es ist sicher nicht der letzte Urlaub dieser Art gewesen!