Alptraum Traumrad - eine never-ending horror story

Ende letzten Jahres hatten Sebastian und ich eine - wie uns schien- geniale Idee: Teamräder in unseren Trikotfarben blau und pink.

Damit sie auch rechtzeitig bis zu unserem Trainingslager auf Mallorca fertig sind, haben wir noch Ende 2017 bei Cyclefix in Hamburg die Bestellung fertig gemacht.

Hätten wir gewusst, was wir an dieser Stelle für eine Welle lostreten - ich glaube, wir hätten es gelassen ...

 

Es folgt: Das Protokoll eines Alptraums aus dem deutschen Fahrrad(fach?)handel.

 

Bis Ende der ersten Januarwoche sollten wir unsere Farbwünsche durchgeben: Die Wahl eines passenden Pinks kostete mich zahlreiche schlaflose Nächte: Nicht zu Tussi, aber auffällig. Pantone DivaPink  - da waren sich meine Mädels alle einig. Das ist deine Farbe!

 

Der März rückte immer näher und unsere Neugier auf die neuen Räder hielt sich kaum noch in Grenzen:

Um das perfekte Trainingsgerät daraus zu machen, sollte auf jeden Fall eine Power2Max Wattkurbel drauf, und für die Optik natürlich schöne Hochprofillaufräder. Alles stand fristgerecht bereit, auch die extra angefertigten Trikots waren schon da. Was fehlte, waren die Räder.

Die Lieferung verzögerte sich wegen Problemen beim Zoll. Wie ärgerlich!

Aber gut: Manchmal macht einem das Schicksal eben einen Strich durch die Rechnung. Mallorca also mit den altbewährten Rädern.

 

14 Tage später. Angeblich noch immer beim Zoll. Und immer die Vertröstung auf eine Woche später. Unzählige Male. Übermorgen, nächste Woche ... - aber keine konkrete Angabe zum Liefertermin.

 

Am 19. März hieß es, die Räder seien aus dem Zoll draußen. Am 4. April die Ansage, dass die Räder diese Woche fertig aufgebaut sein würden. Endlich!

Zwei Tage später bekam ich eine Nachricht bei Facebook, die mich latent nervös machte: Ein Bild von einem Rahmen in schweinchenrosa.

Auf meine Nachfrage, ob das tatsächlich die bestellte Farbei sei, bekam ich lediglich zu lesen, dass sich das "nicht mit einem IPhone fotografieren" ließe. In Wirklichkeit sei es viel dunkler. Puh!

 

An dem Tag, an dem ich eigentlich das aufgebaute Rad abholen sollte, flatterte dann die Nachricht ins Haus, dass der Rahmen noch einmal einen anderen Anstrich bekäme. War doch nicht alles so perfekt, wie es mir suggeriert worden war?

Ich weiß nicht, welcher Lackierer da letztlich seine Finger im Spiel hatte, aber das Ergebnis war himmelschreiend:

Ein Retro-Rot, das nicht im Entferntesten meine bestellte Wunschfarbe traf!

 

Um Schlimmeres zu verhindern und nun endlich mal die bestellten Räder zu bekommen, entschieden wir uns, das Modell in mattschwarz/schwarz zu nehmen. Dabei sollte wohl am wenigsten schiefgehen.

Der Händler hatte aber die entsprechende Mail nicht gelesen und das Ganze nurmehr mit weißem Schriftzug vor Ort. Na gut. Der hundertste Kompromiss. Doof, wenn man sich so Hals über Kopf verguckt hat und das rationale Denken ausschaltet.

Die berühmte rosarote Brille - was für eine Ironie des Schicksals!

 

Ende April konnte ich das Rad schließlich abholen. Dachten wir. Ausgemacht war Mittwochabend. Ich hatte nichts mehr Gegenteiliges gehört und so fuhren wir nach Winterhude. Zumindest mein Rad sollte, so die letzte Nachricht an Sebastian, fertig sein.

Wir trauten unseren Augen kaum, als wir kurz vor Ladenschluss den Laden betraten:

Da hing mein Rahmen auf dem Montageständer. Als Rahmenset. Weil tagsüber die Hütte brennt. (Ein Anruf hätte genügt ...)

In einer Nacht- und Nebelaktion machte der Besitzer das Rad dann noch fertig und wir konnten zumindest eines mit nach Hause nehmen.

 

Sebastian wollte vor unserem Harzwochendende eigentlich nur nochmal kurz alles kontrollieren und die Wattkurbel installieren - doch die bittere Ernüchterung folgte auf dem Fuße:

Die bestellten Komponenten waren nicht verbaut: Statt der Kompaktkurbel eine gebrauchte und zerkratzte (!) 52/36 mit 172,5er statt einer 165er Kurbellänge - weit weg von dem, was wir wollten und geordert hatten. Und ohne irgendeinen Hinweis darauf.

Zudem funktionierte die Schaltung nicht.

 

Am nächsten Tag, kurz bevor wir uns auf Richtung Hahnenklee machten, fuhren wir also nochmal durch den Hamburger Stadtverkehr inkl. Stau zu dem Laden. Die Komponenten würden noch kommen. Die Rotor-Kurbel wurde nochmal aus- und eingebaut. "Etwas schwergängig. 100km fahren, nochmal etwas lösen und wieder festziehen. Dann läuft das." - Eine Ansage, die wenig von Fachkompetenz zeugt. Schließlich ist in der Bedienungsanleitung ja eine Newtonmeterzahl vorgegeben!

Wir nahmen das Rad wieder mit. Sebastian schien zuversichtlich, dass er die Feinjustierung selbst besser hinbekäme. Allerdings hatte er die Rechnung ohne das kaputte Schaltwerk gemacht, das nun die eingestellten Anschläge nicht erkennen wollte.

 

Sebastian schlug diese Odyssee ziemlich auf den Magen und ich konnte auch nicht so viel Essen wie ich - na, ihr wisst schon.

Am Montag ging es dann wegen mieser Witterungsverhältnisse verfrüht aus dem Harz zurück. Auf ein Letztes nach Winterhude!

Mittwoch ist die Deadline. Definitiv die letzte.

 

Endlich ist er da, der Mittwoch. Ich sitze gerade in der Bahn auf dem Weg nach Hause, als ich eine Mail von Cyclefix bekomme: Sebastians Rad sei jetzt noch nicht aufgebaut. Erst mal sollen wir meins testen. Dabei hatte Sebastian nach unserem letzten Besuch extra noch geschrieben, dass wir am Mittwoch dann "zwei funktionstüchtige Räder mitnehmen" möchten, was auch bestätigt worden war.

Aber es klang zumindest zuversichtlich: Diesmal war das Rad sogar Probe gefahren worden!

 

Na gut. Also wieder nach Winterhude. Diesmal mit der Bahn. Ein schlechtes Omen, dass wir auch damit erst verzögert ankamen?

 

Im Laden. Pedale dran. Der Hinweis von Sebastian, dass die Rotorkurbel erneut zu festgezogen sei, wird mit den Worten kommentiert: "Das mache ich immer so." -

 

Also: Rauf aufs Rad. Einmal die Straße runter. Runtergeschalten. Plötzlich geht ein Ruck durchs Rad und es macht einen lauten Schlag:

Wieder ist die Kette unten! Aber nicht nur das: Das Rad, das ich zurück Richtung Laden trage, hat eine Speiche in meinen neuen Felgen zerrissen. Ich habe nur noch Wut im Bauch. Wut über alles, was schiefgelaufen ist.

Aber keine Entschuldigung, kein Wort der Bestürztheit: Wortlos werden meine Komponenten abgebaut. Ich bin fassungslos.

 

Radlos verlassen wir den Laden.

 

Mittlerweile wurde der Schaden beglichen.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die drei magischen Zahlen: 30, 100, 200

30 km/h fahren, der erste 100er oder der erste 200er - die drei Zahlen sind aus der Radsportszene nicht wegzudenken.

Apps wie Strava zeichnen unser Training in allen Details auf, Zahlen zeigen dezidiert, wie lange oder wie hart man trainiert hat, wieviele Kilometerund Höhenmeter man abgeleistet hat. Und dennoch scheinen die Wenigsten auf die Details wie Watt oder Puls zu achten.

Was zählt: Ein möglichst hoher Schnitt (natürlich immer entspannt in Grundlage) und nach Möglichkeit dreistellig.

Auch in diversen Radlergruppen auf Facebook lässt sich dieses Phänomen beobachten: Anerkennung bekommt nur, wer die 100 durchballert. Ohne Rücksicht auf Verluste. Aber wieso ist das so?

Einen Schnitt über 30 km/h auf eine längere Strecke zu halten, ist, je nach Terrain, natürlich eine Leistung. Einmal zu viel angehalten, und schon rutscht man wieder unter die magische Grenze.

30 klingt, für Radfahrverhältnisse, nach einer starken Leistung - auch wenn man einfach drei Stunden im Windschatten einer starken Fahrergruppe gelutscht hat. Was die Strava-Community interessiert, ist die Bilanz. Die Umstände sind nicht von Relevanz.

Wind gibt es schließlich überall.

 

Wer Rennrad fährt, muss auch lang fahren. 50 km werden belächelt - Intervalltraining hin oder her. Zahlen zählen. Also Hauptsache 100 auf der Uhr - im Leben eines Einsteigers ein Schlüsselerlebnis mit der Message: Du hast es geschafft, du hast dich durchgebissen - ab jetzt kannst du alles schaffen!

 

Und was hat es jetzt mit den 200 auf sich? Schon mal 200 gefahren?

Für viele Radler eine unheimlich abschreckende Zahl. Ein scheinbar unbezwingbarer Umfang - übersteigt eine Autofahrt in der Länge ja schon den gewöhnlichen Umfang!

Doch wer die 200 bezwingt, hat das Image des Einsteigers hinter sich gelassen. Härter geht immer. Man kann Berge einbauen oder einfach nochmal ein paar hundert Kilometer im Sinne eines Brevets dranhängen. Alles jenseits der 200 ist irgendwie krank - so das Feedback. 

Aber 200 muss man mal gefahren sein, um ein anerkennendes Nicken in Form der virtuellen Kudos zu bekommen.

 

Auch wenn diese Zahlen unbestritten einen Ritterschlag auf dem Carbonross bedeuten - abliefern kann nur, wer sich auch mal mit weniger zufrieden gibt. Manchmal ist es die größere Leistung, konsequent Grundlage zu fahren. Nicht nur unterm Schnitt ;)