Faszination Zeitfahren

Wie kommt man vom Marathon zum Zeitfahren?

 

Gute Frage. Meine Inspiration war wohl mein Freund Sebastian, den ich bei drei bedeutenden Zeitfahrwettkämpfen wie der Qualifikation für die WM in Dänemark 2018 begleitet habe.

Es lag jedes Mal so eine besondere Spannung in der Luft. Das Flair, das Setting - anscheinend habe ich da bereits Feuer gefangen.Außerdem ist es letztlich genau das Format, das ich suchte: Ein Rennen ohne viele andere Fahrer um mich, die mich in brenzlige Situationen bringen könnten, aber dennoch die perfekte Möglichkeit, meine Leistung unter Beweis zu stellen.

 

Faszination Zeitfahren

 

Zeitfahren ist in vielerlei Hinsicht faszinierend: 

  • Es sieht verdammt gut aus.
  • Es ist wahnsinnig schnell.
  • Es ist die ehrlichste Disziplin im Radsport

Finde ein passendes Rad!

Zunächst wollte ich mir einfach ein gebrauchtes, günstiges Zeitfahrrad zulegen, um unverbindlich austesten zu können, wie mir das Ganze eigentlich gefällt. Was ziemlich simpel klingt, entpuppte sich schnell als ein Ding der Unmöglichkeit: Es scheiterte letztlich an meiner Größe: Mit 1,60m findet man so schon kaum einen passenden Rahmen. Aber einTriathlonrad? Ich hatte die Hoffnung, dass es bestimmt auch kleine Triathletinnen gab, die ihren alten Renner verkaufen wollten. Allerdings fand ich auf diversen Internet-Plattformen nur überteuerte Modelle mit uralten manuellen Schaltungen oder Zeitfahrmaschinen, die mit 26"-Bereifung ausgestattet waren. Dieses Set-up ist mir immer noch ein Rätsel: Schließlich wollte ich mich ja nicht bereits im Vorfeld ins Aus schießen.Meine Suche dauerte fast ein Jahr.

Fündig wurde ich letztlich durch einen Tipp von Marcus Baranski: bei Canyon. Das Canyon Speedmax CF entspricht tatsächlich den geforderten Maßen - das Premiummodell ist jedoch nur in Rahmenhöhe S verfügbar. Anscheinend gibt es für die großen Radhersteller noch immer zu wenig Nachfrage in diesem Segment.

Mir kam es jedoch gerade recht: Schließlich investierte ich in ein Experiment,von dem ich noch nicht wusste, wie es ausgehen würde.  Aber ich war optimistisch. Sebastian bestärkte mich auch in der Idee. Zum einen natürlich, weil er selbst Zeitfahrer mit Leib und Seele ist. Zum anderen aber auch, weil er mich doch ziemlich gut einschätzen kann und meinte, das sei genau meine Disziplin.

Und er unterstützte mich tatkräftig mit seinem ganzen Know-how:

Mit dem Radkauf ist es nämlich noch lange nicht getan: Um wirklich optimal auf dem TT zu sitzen, bedarf es erst einmal eines intensiven Bikefittings und einer sukzessiven Feinjustierung im Laufe der Zeit. Man sitzt auf dem TT ganz anders, ungewohnt anders. Das Ganze fühlt sich zunächst ziemlich falsch an - auch schon auf der Rolle. Man kann sich gar nicht vorstellen, dass man darauf überhaupt mal 10km im Auflieger fahren kann! Während der Gewöhnungsphase bekommt man schnell ein Gefühl für das Rad, es werden nach und nach der Lenkeraufsatz und die Sitzposition angepasst, um Aerodynamik und Ergonomie in Einklang zu bringen. Sebastian nahm sich dafür wahnsinnig viel Zeit. Und so begann mein Projekt TT.

Aero is everything!

Wenn man sich bei Zeitfahrwettkämpfen umsieht, dann staunt man nicht schlecht. Es ist eine Materialschlacht mit ganz viel Carbon und scheinbar viel überflüssigem technischen Schnickschnack: Scheibenräder, Leistungsmesser, Schaltröllchen aus Keramik, Helme in futuristischem Design  - um nur einige Ausstattungsdetails zu nennen. Und diese Extras dienen hier nicht nur der Optik, sondern haben durchaus ihre Daseinsberechtigung. Allen voraus geht es um aerodynamische Optimierung. Der Luftwiderstand ist der Endgegener, dem man mit möglichst viel Raffinesse eine möglichst schmale Stirn bieten muss, um mit möglichst wenig Kraftaufwand möglichst schnell zu sein. So die Theorie.

Auch ohne Leistungsmesser wird man gerade auf längeren Strecken nicht sein Optimum abrufen können. Denn beim Zeitfahren geht es um das perfekte Pacing: Fahren im Grenzbereich. Und das auf die gesamte Dauer. Die eigene Belastungswahrnehmung ist dabei ein schlechter Ratgeber - zumindest für mich: Anstrengung fühlt sich schnell zu anstrengend an. Der menschliche Körper fährt hier häufig eine Vermeidungstaktik - schließlich gilt es, sich so energieeffizient wie möglich zu bewegen. Wenn man an seine eigenen Grenzen gehen möchte, hilft ein Leistungsmesser. 

In einem Leistungstest werden vorher die exakten Trainingsbereiche ermittelt - und diese Zahlen geben einem einen Bereich vor, in dem man im Wettkampf maximale Leistung abrufen kann, ohne vorzeitig einzubrechen. Egal, wie fit man sich zu Beginn fühlt: Man versucht, sich stets in der Nähe des Schwellenbereichs zu bewegen, auch dann, wenn die Kräfte allmählich schwinden. Das erfordert besonders viel Disziplin! Aber von den Marathons weiß ich: Wenn du am Ende bist, geht immer noch ein bisschen mehr. Zeitfahren ist ein Kampf gegen den eigenen Körper. Aber das war zu Beginn mein geringstes Problem.

 

Was, wenn ich einfach umfalle?

Mein Canyon kam im Herbst 2018 - bedingt durch das passende Wetter beschränkten sich meine ersten ErFahrungen zunächst auf das Fahren auf dem Wahoo Kickr. Das fühlte sich gut an. Ich mochte diese Liegeposition bei meinen Indoor-Trainingseinheiten. Allerdings begann ich schnell, mich gedanklich immer mehr mit meinem ersten Zeitfahren zu beschäftigen und das machte mich fertig: Wie sollte ich im Auflieger so schnell umgreifen, wenn ich bremsen muss? Ist das Rad überhaupt noch zu halten, wenn der Wind böig von der Seite kommt? Wie kommt man im Auflieger um eine engere Kurve? Und: Was ist, wenn ich bei dem "Start aus der Hand" einfach umfalle? Fragen über Fragen, die nur einer beantworten konnte: Der Praxistest in freier Wildbahn.

Sebastian versuchte zwar, mir meine Bedenken zu nehmen, aber er zeigte auch viel Verständnis und Geduld. So fasste ich draußen schnell Vertrauen in das Rad und war schnell infiziert von dem unglaublichen Vortrieb. Ich war bereit für mein erstes Zeitfahren - auch wenn ich immer noch mit dem Gedanken haderte, wie ich das Rad in einer Wettkampfsituation beherrschen würde.

Versuch macht kluch!

4. Mai 2019: Showdown in Groß Grönau. Im Zuge der Meisterschaft der Nordverbände gab es auch einen Zeitfahrwettbewerb für die Hobbyklasse. Premiere. Das Wetter war, abgesehen davon, dass es an diesem Tag eisig kalt war, freundlich und trocken - beste Voraussetzungen also. Auch der Wind, der am Vortag von in kräftigen Böen von der Seite kam, hatte sich etwas gelegt. Am Start konnte ich mir ein Bild davon machen, wie andere Fahrer auf die Runde starteten - es konnte losgehen.

Beim Warmfahren auf der Rolle kam ich zumindest schon mal auf Temperatur. Mit etwas Vorfreude und Lust darauf, endlich mal richtig abzuliefern, rollte ich an den Start. Alles klappte: Ich war schnell auf der Strecke und alle meine Bedenken lösten sich in Luft auf: Weit und breit war kein anderer Fahrer, ich hatte ausreichend Platz, um mich auf mein Rad einzustellen, die Strecke war super gekennzeichnet und das Fahren fühlte sich sich trotz Scheibe und Auflieger sicher an. Ich fühlte mich gut, aber es war hart: Nicht nur die Lesitung auf dem welligen Kurs möglichst konstant zu halten, sondern auch zu fahren, ohne zu wissen, was die Konkurrenz so abliefern würde. Drei Runden galt es zu fahren - alles klappte wie geplant: Ich kam heil und - wie sich später herausstellen sollte - mit über einer Minute Vorsprung auf die Zweite im Ziel an.

Besonders schön fand ich neben Sebastians Unterstützung, dass zwei Freunde, Nina und Christian, uns begleitet hatten: Wenn man sich nicht um das Aufräumen der Rollen etc. kümmern muss und im Ziel direkt jemand mit Jacke wartet, dann ist das schon ein besonderer Service! Danke, dass ihr dabei wart! Und danke für die tollen Bilder!

 

Ready for Take-off:

EZF auf dem Militärflughafen Husum-Schwesing

Wer sich darüber beschwert, dass er ein Rad nicht nur kauft, damit es dann nur rumsteht, braucht sich nicht zu wundern, wenn der Kalender plötzlicher voller Zeitfahr-Termine ist. Sebastian hatte seinen Job gemacht: Er hatte uns bei allen möglichen EZF/MZF und PZF gemeldet, die mir die Möglichkeit bieten, dass Zeitfahrrad auch gemäß seiner Bestimmung auszufahren.

Ein besonderes Rennen war auf dem Militärfughafen in Schwesing bei Husum: Bei der dort ausgerichteten Zeitfahrserie Nord hat man an ausgewählten Mittwoch-Terminen die Möglichkeit, einen abgesteckten Kurs auf dem Flughafengelände abzufahren. Das Schöne daran: breite, freie Straßen ohne Verkehr und ein engagiertes Organisationsteam, das eine perfekte Veranstaltung auf die Beine stellt. Im Gegensatz zu meinem ersten EZF galt es nun, eine Strecke von fast 30km zurückzulegen. Sebastian wollte mir etwas ruck nehmen und deklarierte das Ganze zum Trainingsrennen: Ich sollte die Gelegenheit nutzen, an meinem Leistungs-Pacing zu arbeiten. Leichter gesagt als getan: Kurz vor dem Start kapitulierte mein neuer Radcomputer - kurzerhand überließ mir Sebastian seinen.

So konnte ich auf dem weitläufigen Gelände damit kämpfen, mich irgendwo in einem Bereich einzupendeln, den ich auch auf die 30km halten konnte. Letztlich kam ich dort auf den dritten Platz - besser als erwartet. Im Zielbereich wäre ich nämlich fast noch gestürzt und überriss erst zu spät, dass ich ja zum Abschluss nochmal über die Messmatte musste. Aber gut: Mission geglückt ;)